Webcam-Spionage kann Ihr Leben ruinieren

Webcam-Spionage ist keine Verschwörungstheorie, sondern Realität – Millionen von Menschen sind betroffen. Unbemerkt aufgenommen durch die eigene Webcam auf dem eigenen elektronischen Gerät. Die Hacker schauen life zu oder machen Foto- und Videoaufnahmen. Anschliessend werden die Opfer erpresst: um Geld, Informationen oder um weitere Dienste. Die wohl bekannteste Geschichte ist die von Cassidy Wolf, der ehemaligen Miss Teen USA.

Der Täter stammte aus dem nächsten Umfeld: Jared Abrahams und Cassidy Wolf besuchten 2013 zusammen die Highschool in der Nähe von Los Angeles. Dem 19-Jährigen gelang es, die Kamera von Cassidy’s Computer so zu manipulieren, dass er Nacktaufnahmen von dem Mädchen machen konnte, während sie sich in ihrem Zimmer aufhielt. Später kontaktierte er Wolf anonym und drohte, die Bilder und Filme in sozialen Netzwerken zu posten – falls sie nicht bereit wäre, ihm weitere Fotos zu schicken oder für ihn via Skype zu strippen. Wolf weigerte sich und schaltete die Behörden ein. Der Täter wurde überführt und gestand später, viele weitere Frauen erpresst zu haben.

Millionen sind von Webcam-Hacking betroffen

Der Fall Cassidy Wolf ist nur die Spitze des Eisbergs. Und nicht immer läuft es so glimpflich ab. Die meisten Opfer leiden stumm, weil ihnen Wolfs Mut zum Outing fehlt. Aus Hunderten von Presseberichten kann man die Dimension des Problems erahnen. Allein der britische Geheimdienst hat laut dem Guardian Millionen von Webcam-Standbildern gesammelt. Und man darf davon ausgehen, dass es andere Geheimdienste ebenfalls tun. Exemplarisch sind die Taten eines Mannes aus dem Rheinland, der für die Ausspionierung von 100 Jugendlichen verurteilt wurde. Und eine amerikanische Universität beobachtete Studenten in ihren Schlafräumen. Für den Austausch von besonders «scharfen» Webcam-Aufnahmen existieren im Darknet einschlägige Foren.

Erpresser zerstören die Leben der Opfer

Die Beweggründe der Täter sind vielfältig und gehen von Langeweile und Voyeurismus über Machtwünsche bis hin zu Sadismus und Gier. In den meisten Fällen geht es schlicht darum, Geld oder Informationen zu erpressen. Die Reaktionen der Opfer sind unterschiedlich: Manche kooperieren und leiden still, was die Täter ermutigt, immer dreistere Forderungen zu stellen. Wenige entschliessen sich zum Outing und ertragen die Scham, die Bilder der Öffentlichkeit preiszugeben. Andere ziehen sich in die soziale Isolation zurück – oder ziehen um. Aber das Versteckspiel ist im Zeitalter des grenzenlosen Internets keine Lösung. Es gibt sogar Fälle, in denen die Opfer in den Suizid getrieben wurden.

Wer ist gefährdet?

Je nach Herkunft der Täter und Zweck des Hackings sind unterschiedliche Zielgruppen im Fokus.

Beim Geheimdienst ist es die Erpressung des erfolgreichen Geschäftsmanns oder des Politikers, beim Spanner von nebenan die junge Nachbarin, beim Pädophilen Kinder und Jugendliche, beim neugierigen Arbeitskollegen die attraktive Kollegin und beim gelangweilten Hacker das Zufallsopfer. Man muss nicht paranoid sein, um zu erkennen, dass im Prinzip jeder davon betroffen sein kann. Genauso wie bei herkömmlichen Einbrüchen werden auch im Internet primär jene angegriffen, die besonders leicht zu überlisten sind. Wer seine Türen abschliesst, hat weit weniger zu befürchten.

Wie einfach ist Webcam Hacking?

Webcam Hacking, auch als Camfecting bezeichnet, stellt für Hacker keine besonderen Herausforderungen. Auf Tech-Portalen wie Tech-Crunch oder Mashable wie auch in der Tagespresse finden sich zahlreiche Berichte. Mit Hilfe des Darknet oder normaler Suchmaschinen können entsprechende Anleitungen und Malware gefunden werden. Der Zugriff geschieht mittels sogenannter Trojaner. Diese gelangen z.B. durch infizierte Links auf YouTube oder Facebook oder durch E-Mails auf Ihren Computer. So übernimmt der Hacker auf Ihrem Gerät die Kontrolle und kann die Kamera aktivieren, um Fotos oder Videoaufzeichnungen zu machen.

Was kann ich dagegen tun?

Die Lösung ist ganz einfach: Kamera abdecken, improvisiert mit Kleber oder - etwas stilvoller und praktischer - mit einem Webcam Cover.

Wer sich schützt ist übrigens in bester Gesellschaft. Laut einer Studie von Kapersky (Virenschutzsoftware), fürchteten sich bereits 2014 rund 44% der Internetnutzer vor Webcam Hacking. Davon gaben 21% an, ihre Kamera abzudecken.

Selbst Mark Zuckerberg (siehe Bild) wurde ungewollt mit einem Webcam Cover "ertappt". Der Ausdruck ist deshalb nicht ganz falsch, weil Zuckerberg offiziell die Ansicht vertritt, dass Privatsphähre «von gestern» sei. Und der Ex-FBI Chef Comey sagte in einem Interview: "Wenn Sie in unsere Büros gehen, sehen Sie überall diese kleinen Dinger auf den Kameras oben an den Computerbildschirmen, mit denen die Webcam abgedeckt werden kann." Schutz ist so einfach, dass es fast fahrlässig wäre, darauf zu verzichten.